„Mehr Megapixel, weniger Aussage – eine Branche im Blindflug.“
- CHICOCIHAN

- vor 3 Tagen
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PHOTOGRAPHER . CHICOCIHAN /. MODEL . WILLIAM
Wenn ich eins nicht mehr hören kann, dann ist es diese Frage:„Welche Kamera ist die beste?“
Ganz ehrlich: Aus Sicht eines professionellen Fotografen und Ausbilders ist das die falsche Einstiegsfrage. Sie lenkt vom Wesentlichen ab. Wir würden doch auch keinen Dichter fragen, welche Schreibmaschine seine Gedichte „kreativer“ macht.
In der Fotografie ist die Kamera ein Werkzeug – nicht der Kern des Handwerks. Entscheidend ist, was Sie damit erzählen.
Fotografie ist eine Sprache – keine Pixel-Diskussion
Fotografie ist in erster Linie Bildsprache.
Ein Bild kann berühren, überzeugen, irritieren, verkaufen oder Vertrauen aufbauen. Das hat mit:
Komposition
Lichtführung
Farbharmonie
Timing
und emotionaler Lesbarkeit
zu tun – und nicht mit Megapixeln oder Fokusfeldern.
Ein starkes Portrait interessiert sich nicht dafür, ob es mit Kamera A oder B entstanden ist. Es wirkt, weil der Ausdruck der Person stimmt, weil die Bildaufteilung klar ist, weil Licht und Schatten eine Geschichte erzählen.
Wer sich fachlich entwickeln will, muss lernen, in Bildern zu denken – nicht in Datenblättern.
Technik ist Pflicht – aber nicht das Zentrum
Ja, natürlich: Technik muss sitzen.Blende, Zeit, ISO, Fokus – das ist Basisarbeit. Ohne diese Grundlage geht es nicht.
Aber:Sobald die technische Bedienung zur Routine wird, hat sie ihre Aufgabe erfüllt. Dann muss sie in den Hintergrund rücken, damit Raum entsteht für:
Sehen
Fühlen
Gestalten
Entscheiden
Wenn Sie während des Shootings mehr mit Menüstrukturen beschäftigt sind als mit Ihrem Motiv, blockiert die Technik den Prozess, statt ihn zu unterstützen. Genau da liegt das Problem der permanenten Technik-Fixierung.
Die eigentliche Leistung: Komposition, Farbe, Emotion
In der CHICOCIHAN Akademie arbeite ich seit Jahren mit angehenden Fotograf:innen, Kreativen und Medienleuten. Immer wieder zeigt sich:
Die wirklichen Fortschritte entstehen, wenn der Fokus weg von der Kamera und hin zum Bild geht.
Zentrale Fragen sind dann zum Beispiel:
Wie führe ich den Blick der Betrachter:innen durch das Bild?
Welche Linien, Formen und Flächen nutze ich bewusst?
Welche Farbkombination transportiert welche Stimmung?
Wo reduziere ich, statt noch mehr ins Bild zu packen?
Welche Emotion soll bleiben, wenn jemand das Bild wieder verlässt?
Das sind strategische Fragen der Bildsprache – nicht der Hardware.
Kameras sind Werkzeuge – wählen Sie nach Ihrem Prozess, nicht nach Hype
Ich sage es meinen Teilnehmer:innen sehr klar:Es gibt nicht „die beste Kamera“.
Es gibt nur das Werkzeug, das zu Ihrem Arbeitsprozess passt.
Fragen Sie sich lieber:
Wie arbeite ich? Schnell, dokumentarisch, inszeniert, im Studio, on location?
Brauche ich ein System, das robust ist, oder eines, das extrem leicht ist?
Welche Brennweiten unterstützen meine Art zu sehen?
Welche Bedienphilosophie lässt mich im Flow bleiben?
So wie ein Schreiner sein Werkzeug nach Handwerk und Arbeitsweise auswählt, nicht nach Werbung oder Mode, sollte eine Fotografin ihr System nach Prozesslogik wählen – und dann konsequent damit arbeiten.
Warum Technik-Fokus viele Talente ausbremst
Ich sehe es regelmäßig:
Menschen warten mit Projekten „bis sie die richtige Kamera haben“.
Budgets fließen in Body-Updates statt in Zeit zum Üben, Reisen oder in gute Projekte.
Motivation hängt vom neuesten Kauf ab – nicht vom inneren Antrieb, besser zu sehen.
Das Ergebnis:Es werden zwar Geräte gewechselt, aber nicht die Bildqualität. Denn Bildqualität entsteht im Kopf, im Auge, im Bauch – und erst dann in der Kamera.
Wer beruflich mit Fotografie arbeiten will, braucht eine andere Haltung:Technik ist Standard. Bildsprache ist Differenzierung.
Traditionelles Handwerk, moderner Anspruch
Ich sehe Fotografie – bei allem digitalen Fortschritt – immer noch als klassisches Handwerk:
Motiv verstehen
Licht lesen
Bildaufbau gestalten
sauber ausführen
klare Linie entwickeln
Diese handwerkliche Sichtweise bewährt sich seit Jahrzehnten. Sie ist unabhängig von der aktuellen Kamerageneration – und gleichzeitig absolut zukunftsfähig, weil sie auf Prinzipien basiert, nicht auf Produkten.
Wer langfristig bestehen will – ob als Portraitfotograf:in, Werbefotograf:in oder Content Creator – braucht keine fünfte Kamera, sondern eine klare visuelle Handschrift.
Mein Fazit als Dozent und Fotograf
Ja, lernen Sie Ihre Technik. Ja, wählen Sie Ihr Werkzeug bewusst.Aber danach:
Reden Sie weniger über Kameras.
Fotografieren Sie mehr.
Analysieren Sie Ihre Bilder kritischer.
Arbeiten Sie an Komposition, Licht und Farbe.
Entwickeln Sie eine Bildsprache, die man Ihnen zuordnen kann.
Denn am Ende stellt niemand die Frage:„Mit wie vielen Megapixeln wurde dieses Bild aufgenommen?“
Die einzige relevante Frage lautet:„Warum lässt mich dieses Bild nicht los?“
CHICO CIHAN




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