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Mehr Kamera-Gelaber als Fotos: Die neue Arbeitslosigkeit in der Fotobranche

  • Autorenbild: CHICOCIHAN
    CHICOCIHAN
  • vor 13 Minuten
  • 3 Min. Lesezeit

Was mich wirklich nervt: Kameras als Schmuckstück und Content-Füllmaterial.


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Was mich inzwischen fast noch mehr nervt als die Frage „Welche Kamera ist die beste?“ sind die ganzen Leute, die die neueste Leica, Nikon, Canon oder Sony auspacken – und dann glauben, die Welt brauche jetzt unbedingt noch ein Video oder einen Post darüber, wie „gut die Kamera in der Hand liegt“ und was für „tolle Bilder“ sie angeblich machen kann.


Dazu kommt dann gerne noch der Satz:„Das ist ein richtiges Schmuckstück, so schön, die gehört eigentlich ins Regal – am besten mit weißen Handschuhen anfassen.“


Ganz ehrlich:Ich habe noch nie einen Handwerker gesehen, der seinen Hammer ins Regal stellt, ihn poliert und sagt: „Guck mal, was für ein Schmuckstück – ich trau mich kaum, ihn zu benutzen.“Werkzeug gehört in die Hand, nicht in die Vitrine.


Kamera-Content statt Fotografie – ein strukturelles Problem

Dieses dauernde Gerede über:

  • wie weich sich das Einstellrad dreht,

  • wie „premium“ sich der Body anfühlt,

  • wie viele Fokusfelder jetzt endlich verbaut wurden,

  • und wie unfassbar „wertig“ die Kamera aussieht,

führt weg von Fotografie und hin zu Beschäftigungstherapie.

Das ist kein Beitrag zur Bildkultur, das ist Content-Füllung.Das bedienen Algorithmen, aber keinen fotografischen Anspruch.


Meine Hand ist nicht deine Hand

Ein weiterer Punkt, der absurd ist:Da erklärt jemand ernsthaft, wie „perfekt“ eine Kamera in der Hand liegt – als wäre jede Hand gleich.

  • Meine Hand ist nicht deine Hand.

  • Mein Workflow ist nicht dein Workflow.

  • Mein Job ist nicht dein Hobby.

Die Aussage „Die Kamera liegt perfekt in der Hand“ ist nichts weiter als eine sehr persönliche Empfindung, die als allgemeine Wahrheit verkauft wird. Professionell betrachtet ist das inhaltlich wertlos.


Werkzeug statt Heiligenfigur

Ich sage es bewusst klar:Eine Leica, Nikon, Canon oder Sony ist und bleibt ein Werkzeug.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer anfängt, die Kamera wie eine Heiligenfigur zu behandeln, verpasst den Punkt:

  • Scheiß auf die Anzahl der Fokusfelder,

  • scheiß auf das zehnte Megapixel-Upgrade,

  • scheiß darauf, wie „sexy“ das Rad oben rechts klickt.

Relevant ist:

  • Was kommt aus dem Werkzeug raus?

  • Welchen Prozess unterstützt es?

  • Welche Bildsprache ermöglichst du dir damit?


Wer wirklich arbeitet, hat wenig Zeit für Technik-Geschwätz

Aus betrieblicher Sicht ist es sehr simpel:Wer aktiv am Markt arbeitet – Aufträge, Deadlines, Kund:innen, Konzepte, Produktionen – hat keine Zeit, stundenlang über Griffmulden und Knöpfe zu reden.

Diese Dauer-Review-Kultur wirkt oft wie ein Ersatzprogramm:

  • Keine echten Projekte, also redet man über Geräte.

  • Keine klare Bildsprache, also diskutiert man über Seriennummern.

  • Keine Kundentermine, also produziert man permanent „Mein Ersteindruck zur neuen XY-Kamera“.

Und dann kommt gern noch der Satz: „Das ist mein Job.“Gut – dann ist das eben dein Job. Aber es ist nicht automatisch Fotografie.Wer ausschließlich über Technik redet, sollte ehrlich sein und aufhören, so zu tun, als ginge es um fotografische Arbeit. Das ist Medien- und Produkt-Content, nicht Bildgestaltung.


Wo soll das Ganze hinführen?

Wenn wir das weiterspinnen, landen wir bei einer Szene, in der:

  • mehr über Gear gesprochen wird als über Konzepte,

  • mehr Unboxing-Videos existieren als echte Bildserien,

  • mehr Zeit in Vergleiche fließt als in eigene Projekte.

Für die nächste Generation ist das fatal:Statt zu lernen, wie man sieht, fühlt, komponiert, denkt und erzählt, lernen sie, wie man Kameras „bewertet“.


Meine Haltung dazu

Aus traditioneller, handwerklicher Sicht bleibe ich bei einem einfachen Grundsatz:

  • Kamera = Werkzeug

  • Bildsprache = Wert

Wer wirklich fotografiert, nutzt sein Werkzeug.Es darf Kratzer haben, es darf abgenutzt aussehen – das zeigt, dass gearbeitet wurde.

Wir brauchen weniger „Schmuckstücke im Regal“ und mehr Bilder, die etwas zu sagen haben.Wer Fotografie ernst nimmt, sollte aufhören, die Kamera zur Hauptfigur zu machen. Die Hauptrolle gehört dem Menschen hinter der Kamera – und den Bildern, die daraus entstehen.

 
 
 

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